Arbeiten – Kaufen – Wegwerfen: Primark jetzt auch in Krefeld

Wer zu Primark geht, weiß in der Regel, was dort angeboten wird. Wozu also noch die Proteste?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen gibt es im Detail noch immer Wissenslücken, und Bekanntes gerät aus den Nachrichten schnell in Vergessenheit. Zum Beispiel die eingestürzte Fabrik in Bangladesch – dort wurden Textilarbeiter*innen durch schlechte Arbeitsbedingungen und Armut in eine lebensgefährliche Situation gebracht, in der sie schließlich umkamen. Hier wurde Kleidung produziert, die etwa in Europa billig verkauft werden sollte. Von welcher Firma? Von vielen, und zwar nicht nur von Discountern wie Primark oder kik. Die Geschichte ist nun eineinhalb Jahre her, und während sich die kurze Entrüstung hierzulande schnell beruhigt hatte, sind heute viele der über 1000 Todesopfer noch immer nicht identifiziert. In Bangladesch ist die Katastrophe noch längst nicht vorbei, aber vielleicht in Deutschland bald ganz vergessen.

Ferne Länder, Katastrophen – all das ist bekannt, bleibt aber nur kurz im Bewusstsein. Ein anderes Problem ist aber noch leichter übersehen: dass die katastrophalen Zustände nicht ferne, einzelne Ereignisse sind, sondern weltweit verschränkte Normalität. Das fängt damit an, dass die Entscheidung, billige (und auch teure) Kleidung mit billiger Arbeit herstellen zu lassen, täglich von Textilhändler*innen getroffen und von ihren Kund*innen bestätigt wird. Aber sind das wirklich Entscheidungen? Wer möchte schon tatsächlich, dass Menschen unter miesen Bedingungen ausgebeutet werden? Und wer will denn wirklich Kleidung haben, die mit Glück die Zeit überlebt, in der sie modisch ist? Ganz abgesehen von all denen, deren im angeblich reichen Europa dünnes Portemonnaie kaum mehr hergibt, als sich in Discounterklamotten zu quetschen. Kann bei all denen von einer Entscheidung gesprochen werden, zumal von einer freien?

Je besser der oder die Gefragte ausgebildet ist, desto eher wird auf diese Frage hin der Sachzwang aus dem Hut gezaubert: es sei nunmal so, die Kunden wünschten diese Produkte, sie seien nunmal arm oder kauften gerne viel, man müsse doch wettbewerbsfähig produzieren und außerdem schaffe man Jobs, was ja noch immer besser als keine Jobs sei. Das ist alles nicht gelogen. Und auch wenn deutsche Gewerkschafter*innen behaupten, es sei falsch, gegen eine Ausbreitung von Primark, Atomkraft oder Rüstungsindustrie zu protestieren, weil diese ja allesamt Arbeitsplätze schüfen, die benötigt würden, lügen sie nicht. Denn genau so sieht es tatsächlich aus: worauf es ankommt, ist, dass aus Geld mehr Geld wird, also Profit entsteht. Und das geht eben letztendlich nur durch Arbeit, das Zusammenspiel von Arbeit und Profit treibt alles an. Ob dabei irgendetwas Nützliches entsteht, ob die Arbeit menschenwürdig, gesundheitsschädlich oder entwürdigend ist – das ist Beiwerk. Dieser Zwang zum Profit soll nun wie ein böser Fetisch jene Sache sein, die Unternehmen, Gewerkschaften, Kund*innen und Arbeiter*innen zu ihren Handlungen zwingt. „Natürlich“ entsteht dann Armut, denn Arbeit muss sich für das Unternehmen lohnen, das sie bezahlt. Also bezahlt es so wenig wie möglich. „Natürlich“ halten die Produkte nicht lange – denn dann müssen sie neu gekauft werden. Wenn das Geschäft also zu etwas führt, dann nicht zu Reichtum, Freiheit und Versorgung. In der Hauptsache werden Armut, Mühsal und Zerstörung produziert.

So kann man ohne zu lügen Falsches denken: dass Sachen Menschen zwingen könnten. Aber die „Sachen“ sind selbst von Menschen gemacht, waren nicht immer da und müssen nicht immer so bleiben. Sicher, die Produktionsketten der Textilindustrie sind selbst für ihre Manager*innen undurchschaubar. Unüberlegtes Konsumverhalten ist tief im Lebensgefühl verwurzelt. Weltweite Armut wird nicht von heute auf morgen abgeschafft. Der große Fehler wäre jedoch, zu glauben, dass nichts Besseres möglich wäre. Die Textilarbeiter*innen in Bangladesch konnten mit ihren Protesten und internationaler Öffentlichkeit im Rücken eine kleine Verbesserung ihrer Lage erkämpfen. Selbst kleine Erfolge wären nicht möglich gewesen, wenn sie sich stumm ergeben hätten. Ansätze von solidarischer, kollektiv geplanter Produktion, wie bei den Zapatist*innen in Mexiko, versuchen den Kreislauf von Ausbeutung und Fremdbestimmtheit zu durchbrechen.

Im Anspruch auf Verbesserung der eigenen Lage in einer schlechten Gesellschaft kann das Ideal einer besseren, möglichen Gesellschaft stecken.
Anstatt von Profitzwang, Konkurrenz, Ausbeutung, Zerstörung und Unterdrückung setzen Anarchist*innen dabei auf gegenseitige Hilfe, freiwillige Tätigkeit und gemeinsame vernünftige Planung. Eine solche mögliche, aber noch nicht vorhandene Gesellschaft müsste mit Staat, Kapitalismus und deren Logik gebrochen haben. Das bedeutet auch, dass der Glaube an Sachzwänge erschüttert werden muss. Anstatt einem Fetisch zu folgen, könnte die solidarische Wirtschaft sich dann an menschlichen Bedürfnissen ausrichten. Auch das gehört zur Utopie: etwas Schönes zum Anziehen, ohne verdrängen zu müssen.


1 Antwort auf „Arbeiten – Kaufen – Wegwerfen: Primark jetzt auch in Krefeld“


  1. 1 Arbeiten, Kaufen, Wegwerfen – Was ist das Leben wert? Aktion gegen Primark-Eröffnung in Krefeld « Anarchistische Föderation Rhein/Ruhr Pingback am 25. Oktober 2014 um 16:42 Uhr
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